Auszug aus „China in Düsseldorf – Düsseldorf in China (2011)
ISBN-13: 978-3-943343-00-7
Mit freundlicher Genehmigung der Deutsch-Chinesischen Verlagsanstalt
Deutschland und China
von Dr. Cord Eberspächer
Die deutsch-chinesischen Beziehungen
Für den Beginn der Beziehungen zwischen Deutschland und China lassen sich viele Daten nennen. Die diplomatischen Beziehungen begannen mit dem Vertrag von Tianjin, der am 2. September 1861 unterzeichnet wurde. Aber dabei handelte es sich immerhin um einen der so genannten „Ungleichen Verträge“, also sollte man sich besser an dem Freundschaftsvertrag von 1921 orientieren, der auch von chinesischer Seite als erster „gleicher“ Vertrag Chinas überhaupt angesehen wird? Oder schauen wir gleich in die Zeitgeschichte, das offizielle „Chinajahr“ 2012 orientiert sich an der Wiederaufnahme der deutsch-chinesischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahr 1972 – bzw. denen der alten Bundesrepublik, denn die DDR hatte ja längst wieder Beziehungen angeknüpft. Aber vielleicht sollte man sich überhaupt von diesen Daten lösen und etwas weiter zurückblicken – denn China und Deutschland haben seit mehreren hundert Jahren in ganz unterschiedlichen Weisen zu einander in Beziehung gestanden.
Die ersten Kontakte
So finden wir die erste chinesische Erwähnung Deutschlands auf der Weltkarte, die der Jesuit Matteo Ricci 1584 dem Kaiserhof der Ming-Dynastie präsentierte und auf der sich auch ein Land namens „Ruermaniya“ 入耳马尼亚 findet. Auch in den folgenden Jahrhunderten fanden Deutschland und seine Länder immer wieder Erwähnung in chinesischen Weltchroniken oder Reiseberichten, insbesondere nach dem lebhaften Erwachen des chinesischen Interesses an Informationen über die Länder jenseits des Meeres in der Folge des Ersten Opiumkriegs 1839-1842. Jenseits davon blieb das Interesse jedoch beschränkt. Als Abnehmer für die begehrten chinesischen Güter wie Tee und Porzellan fielen die Deutschen nicht weiter auf – denn sie importierten bis in das 19. Jahrhundert fast ausschließlich über die weltumspannenden Handelsnetze der Briten und Niederländer. Umso größer war das Interesse auf deutscher Seite. Die Chinabegeisterung der Frühen Neuzeit betraf gleich drei Bereiche, die aber wiederum eng mit einander verknüpft waren: Philosophie, Kunst und Handel.
Was die Philosophie angeht, fußten praktisch sämtliche Informationen über das „Reich der Mitte“ bis in das 17. Jahrhundert auf den Berichten und Übersetzungen der jesuitischen Missionare am Kaiserhof in Peking. Sie zeichneten das Bild einer stabilen und weisen Herrschaft, die in einem scharfen Kontrast zur Wahrnehmung der europäischen Monarchien stand und den Idealen der Aufklärung nahekam. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass der deutsche Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz China zu einem leuchtenden Vorbild verklärte und die Ansicht vertrat, dass es für Europa nur segensreich sein könne, wenn – analog zu den Jesuiten im Fernen Osten – auch China Missionare in den Westen senden würde, um Europa an den Segnungen seiner Zivilisation teilhaftig werden zu lassen. Die Begeisterung europäischer Denker für China war derart verbreitet, dass Georg Christoph Lichtenberg in der Mitte des 17. Jahrhunderts bereits über die Sinophilie seiner Zeitgenossen zu spotten begann.
Eng mit der theoretischen Chinabegeisterung war die Leidenschaft für den „chinesischen“ Stil verbunden, auch wenn dieser mit dem realen China oft nur wenig zu tun hatte – in der Kunst ist die „Chinoiserie“ dieser Zeit bis heute ein stehender Begriff. Wer etwas auf sich hielt, baute chinesische Pavillons in Gärten im englischen Stil (der seine Prinzipien aus dem chinesischen Gartenbau entlehnt hatte) und sammelte chinesisches Porzellan, das im chinesischen Kabinett zahlreicher europäischer Paläste präsentiert wurde. Porzellan von guter Qualität kam grundsätzlich aus China, wer es sich leisten konnte, bestellte sich ein Service oder mehr aus dem „weißen Gold“; angefertigt wurde nach mitgelieferten Vorlagen ganz nach Wunsch in den Werkstätten von Jingdezhen. Die ersten europäischen Porzellanmanufakturen konnten mit der chinesischen Qualität anfangs nicht mithalten und lieferten in der Mehrzahl nur minderwertige Kopien der chinesischen Vorlagen. Manche Fürsten steigerten sich so weit in ihre Leidenschaft fürs Porzellan, dass sie nicht nur ein Vermögen für originale Tassen, Teller oder Vasen ausgaben, sondern auch mehr investierten, beispielsweise tauschte August der Starke von Sachsen sogar groß gewachsene Landeskinder für die „Langen Kerls“ des preußischen Soldatenkönigs für eine Vergrößerung seiner üppigen Porzellansammlung. Dagegen nahmen sich andere „Chinoiserien“ fast preiswert aus, wenn es sich um Wandteppiche oder Ornamente für die Porzellankabinette handelte, oder prunkvoller, wie die Pavillons im chinesischen Stil – oder wie man sich einen solchen vorstellte -, von denen sich ein besonders schönes Beispiel im Potsdamer Park von Sanscoussi befindet.
Eng mit diesen Phänomenen verbunden war der Handel – in der Frühen Neuzeit waren dies in erster Linie die großen Handelskompanien der Niederländer und der Briten. Sie brachten den Tee aus Kanton in die europäischen Haushalte und über sie konnte auch das passende Geschirr – wiederum das so genannte Auftragsporzellan – bestellt werden. In Deutschland entwickelte sich die Mode des Teetrinkens denn auch in erster Linie im Norden, also den Gebieten mit geographischer Nachbarschaft und engen Handelsverbindungen zu den führenden Nationen des Chinahandels.
Dieses Element war einer der ersten Anknüpfungspunkte von deutscher Seite, selbst die Verbindung zu China zu suchen. 1751 erteilte Friedrich der Große, preußischer König, das Octroi, also die staatliche Lizenz, für eine „Königlich Preußische Ost-Asiatische Handlungs-Compagnie zu Embden“. Diese preußische Asienkompanie sollte direkte Handelsverbindungen zu China anknüpfen und verhindern, dass weiter Gelder für die begehrten chinesischen Güter in das europäische Ausland abflossen. Der Enthusiasmus nach der Rückkehr des ersten Schiffes war so groß, dass der König in einem Erlass verkündete, dass hinfort in Preußen nur noch Tee getrunken werden dürfe, der von der Emder Kompanie importiert worden sei. Die Direktoren der Kompanie waren überaus dankbar für so viel Zuwendung und bestellten dem Monarchen in China ein komplettes Tafelservice; leider lief das Schiff bei der Rückkehr vor Borkum auf eine Sandbank auf und – da Porzellan als Ballast üblicherweise unten im Schiff gestaut wurde – ging ein so großer Teil des Services zu Bruch, dass es nicht mehr zur Huldigung taugte. Auch die preußische Asienkompanie fand ein schnelles Ende, der Siebenjährige Krieg beendete 1756 schlagartig ihre Aktivitäten und sämtliche Versuche einer Wiederbelebung scheiterten schon im Ansatz.
Trotzdem waren die Handelsinteressen der entscheidende Faktor, der für Kontinuität in den deutsch-chinesischen Beziehungen sorgen sollte. Die Chinamode in Philosophie und Kunst ging spätestens mit dem 18. Jahrhundert zu Ende – was Leibniz noch Kontinuität und Stabilität Chinas gewesen waren, erschien nun als Unbeweglichkeit und Verkrustung. Mit Herder erreichte die philosophische Chinaverachtung ihren Tiefpunkt, ihm erschien das Reich der Mitte nur noch als eine „einbalsamierte Mumie“ – China wurde somit von einem potentiellen Vorbild zu einem Hort der Rückständigkeit, der – ganz im Geist des europäischen Kolonialismus – nur durch die westliche Zivilisation „erlöst“ werden konnte.
In der gleichen Phase begannen jedoch Handelsverbindungen, die auf eine Qualität der kommerziellen Verbindungen hindeuteten, die China ansonsten erst im Laufe des 19. Jahrhunderts bekommen sollte – China als interessanter, ja geradezu märchenhaft erscheinender Markt. Während vor allem mit dem Tee vor allem chinesische Waren begehrt waren und eher Probleme bestanden, auch nur annähernd gleich viele Waren nach China einzuführen (die Briten lösten dieses Problem mit indischem Opium), begann Preußen, durch Russland über den Grenzort Kiachta Tuche nach China zu verkaufen. Diese Tuche stammten in erster Linie aus schlesischer Produktion, kamen aber teilweise bis aus dem Rheinland. Diese Handelsverbindungen waren bedeutend genug, dass die Wiedereröffnung des Überlandhandels nach China einen eigenen Verhandlungspunkt auf dem Wiener Kongress 1815 gewidmet wurde. Die Wiedereröffnung währte jedoch nicht lange, 1821 setzte das Zarenreich die Zölle dermaßen drastisch herauf, dass dieser erste kontinuierliche preußische Chinahandel abrupt beendet wurde.
Die sofort einsetzenden Überlegungen, wie der Tuchproduktion ein neuer Absatzmarkt geschaffen werden könne, eröffnete dann das nächste Kapitel deutsch-chinesischer Handelsbeziehungen: Die Fahrten der Schiffe der königlich preußischen Seehandlung. Die Seehandlung entsandte noch 1822 ihr erstes Schiff auf die Reise nach Kanton und setzte diesen Chinahandel bis in die 1840er Jahre fort. Die Einschätzung des Chinamarktes blieb allerdings zurückhaltend, summa summarum machte die Seehandlung mit ihren Chinaaktivitäten nur Verluste. Entsprechend vorsichtig blieb auch das weitere staatliche Engagement: Theoretisch war Preußen seit den 1780er Jahren in Kanton durch einen Konsul vertreten. Praktisch handelte es sich um britische Kaufleute, die mit dem Konsularstitel das Handelsmonopol der britischen East India Company unterliefen – und an der Vertretung konsularischer Interessen nur marginal interessiert waren. Um eine aktivere Vertretung in Kanton zu gewährleisten, suchte die Seehandlung noch Mitte der 1820er Jahre nach einem geeigneten deutschen Kandidaten – allerdings ohne Erfolg, der einzige in Frage kommende Deutsche hatte Kanton im Vorjahr verlassen. Das Interesse auf preußischer Seite erlahmte und als 1840 der letzte nominale preußische Konsul Ostasien verließ, wurde kein Nachfolger ernannt. Genau zu dem Zeitpunkt der wichtigsten Umwälzung in den Beziehungen zwischen China und dem Westen gab es somit nicht einmal auf dem Papier einen Vertreter vor Ort.
Eine neue Ära
Der Vertrag von Nanjing wurde 1842 als Folge des Ersten Opiumkrieges unterzeichnet. Sein meist beachteter Passus war aus deutscher Sicht die Öffnung von fünf chinesischen Häfen für den westlichen Handel. Diese Nachricht löste in breiten Kreisen des Wirtschaftslebens geradezu enthusiastische Reaktionen aus. Es wurde geschwärmt, hier sei ein ganzer Kontinent dem Handel erschlossen worden, die Öffnung Chinas sei ein Ereignis von welthistorische Bedeutung, nur noch vergleichbar mit der Entdeckung Amerikas – mit dem Unterschied, dass Amerika erst der Zivilisation erschlossen werden musste, während China nach den zeitgenössischen Hoffnungen ein lebendiger Markt sei, der praktisch nur auf deutsche Waren wartete.
Entsprechend gingen reihenweise Petitionen bei der preußischen Regierung ein, die verlangten, dass der Staat nun dem Handel einen gebührenden Anteil am chinesischen Markt sichern müsse. Die Vorstellungen reichten von der Gründung einer neuen Asienkompanie bis zur Entsendung einer umfangreichen Expedition und dem Abschluss eines eigenen Vertrags mit China. Die preußische Regierung sah die neuen Entwicklungen deutlich gelassener. Zum einen warnte die Seehandlung deutlich vor übergroßer Begeisterung, zum anderen fehlten für ein martialisches Auftreten schlicht die Mittel: Die preußische Kriegsflotte bestand 1842 aus dem Segelschulschiff „Amazone“ – und aus einigen Ruderkanonenbooten zu Küstenschutz. Um dem öffentlichen Druck wenigsten ein Stück weit gerecht zu werden, schickte Preußen 1844 einen subalternen Verwaltungsbeamten, Friedrich Wilhelm Grube, zur Erkundung der neu geöffneten Häfen nach China. Grube hatte keinerlei Vorkenntnisse über China, aber immerhin Erfahrungen in Übersee vorzuweisen, ausgewählt wurde er letztendlich in Ermangelung besserer Kandidaten mit entsprechenden Vorkenntnissen und aus Sparsamkeit. Er gab sich alle erdenklich Mühe und sandte regelmäßige Berichte, allerdings erkrankte er in China und verstarb bald darauf auf Java. Der Abschlussbericht, den das preußische Finanzministerium aus Grubes Berichten zusammenstellte, kam zu dem Ergebnis, dass vom chinesischen Markt auf kurze Sicht wenig zu erwarten sei.
Zur gleichen Zeit hatten aber bereits private Unternehmen begonnen, in China aktiv zu werden. Diese erste Gruppe deutscher „Chinakaufleute“ war 1846 schon groß genug, dass sie einen offenen Brief an die preußische Regierung richtete, der auch in diversen Tageszeitungen abgedruckt wurde, beispielsweise im „Hamburgischen Correspondenten“. Die Chinakaufleute forderten staatliche Unterstützung, da sie sich bislang schutzlos chinesischer Willkür ausgeliefert sahen und von den Vertragsmächten Großbritannien, Frankreich und den USA nur unzureichend vertreten fühlten. Sie wünschten vor allem ein Konsulat, das am besten nicht allein durch einen deutschen Staat, sondern in Ermangelung eines geeinten Deutschland wenigstens im Namen des Zollvereins eingerichtet werden sollte. Auch dieses Ansinnen kam zu früh, zaghafte Initiativen zur Einrichtung eines Zollvereinskonsulats scheiterten 1847 bereits im Ansatz – vermutlich nicht zuletzt am generellen Desinteresse der süddeutschen Staaten. So kam es in den folgenden Jahren lediglich zur Ernennung von Konsuln durch einzelne deutsche Staaten, bis 1861 waren neben Preußen auch die Hansestädte Hamburg, Bremen und Lübeck, Oldenburg, Hannover, Mecklenburg-Schwerin und Sachsen in China durch Konsuln vertreten – oftmals konzentriert in nur ein oder zwei Personen.
Beginn der diplomatischen Beziehungen
Bis dahin hatten sich allerdings auf beiden Seiten die Bedingungen wiederum deutlich verändert. In Deutschland hatte sich jenseits der preußischen Zurückhaltung eine immer stärkere Stimmung zugunsten von vermehrten Aktivitäten in Übersee gezeigt, die in der Revolution von 1848 einen ersten Höhepunkt erreichte. Am deutlichsten wurde diese Stimmung in Forderungen nach dem Aufbau einer Flotte und dem Erwerb von Kolonien artikuliert. Zwar scheiterte die angesichts des Krieges mit Dänemark aus dem Boden gestampfte Bundesflotte, die zudem militärisch nur von zweifelhaftem Wert gewesen war. Als ein Resultat baute nun aber Preußen eine Flotte auf, die 1853 ihre ersten beiden Schiffe über den Atlantik nach Südamerika schickte und 1856 gleich ihr erstes Fiasko bei einem Landungsunternehmen an der nordafrikanischen Küste erlebte. Zudem geriet Preußen durch die Weltumseglung der österreichischen Fregatte „Novara“ unter Druck; die „Novara“ hatte auf ihrer Reise auch China besucht, und war dort von den Deutschen begeistert als erste offizielle Unterstützung aus der Heimat begrüßt worden. Obwohl mit dieser Expedition keine diplomatischen Ziele verbunden gewesen waren, hatte Österreich damit gegenüber seinem innerdeutschen Rivalen Preußen einen Erfolg erzielt. Preußen stand also unter Zugzwang und verfügte im Gegensatz zu 1842 nun auch über die praktischen Mittel, um eine Expedition nach China zu entsenden.
Auch in Ostasien hatte sich die Lage deutlich verändert. Ein wichtiger neuer Faktor war die Öffnung Japans durch das US-amerikanische Geschwader unter Commodore Perry 1853. Fortan ging es bei einem Engagement im Handel Ostasiens nicht mehr nur um den Chinahandel, sondern um ein Einsteigen in ganze Handelsnetze – passend zum amerikanischen Vorbild hatte die junge preußische Marine noch ganz unter dem Eindruck der Ereignisse in Japan bereits 1854 eine Ostasienexpedition angeregt, der Vorstoß blieb allerdings ohne Folgen. Kurz darauf brach 1856 der Zweite Opiumkrieg aus, dessen erster Teil, der so genannte Arrow-Krieg, 1858 mit dem Vertrag von Tianjin bereits beendet schien. Das Vorgehen der Briten und Franzosen erweckte bei den deutschen Chinakaufleuten vielfach Befürchtungen, dass künftig die Handelsvereinbarungen nicht mehr stillschweigend auf den gesamten Chinahandel ausgedehnt werden würden, wie es nach dem Ersten Opiumkrieg und dem Vertrag von Nanjing 1842 noch der Fall gewesen war. Umso lauter wurden die Forderungen nach dem Abschluss eines eigenen Vertrages und nach stärkerer offizieller Unterstützung: Der preußische Konsul in Kanton, Richard von Carlowitz, beendete ab Mitte der 1850er Jahre fast jeden seiner Berichte mit der Anregung, endlich ein preußisches Kriegsschiff in die chinesischen Gewässer zu entsenden.
Erst im Sommer 1859 entschloss sich die preußische Regierung unter Federführung von Außen- und Handelsministerium, nun eine Expedition nach Ostasien zu entsenden. Das Unternehmen unter der Leitung des Diplomaten Friedrich Graf zu Eulenburg sollte in erster Linie Verträge mit China, Japan und Siam (dem heutigen Thailand) abschließen. Hinzu kamen eine Erkundung der Absatzmöglichkeiten für deutsche Produkte auf den Ostasiatischen Märkten und eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Aufgaben. So gehörten zu Eulenburgs Begleitern neben dem diplomatischen Personal u.a. auch drei Handelssachverständige, ein Landwirtschaftsspezialist, ein Botaniker, ein Zoologe und ein Geograph. Die Expedition wurde mit vier Schiffen ausgestattet und bedeutete damit für die damals noch kleine preußische Marine einen enormen Aufwand – allein über die Hälfte der Seekadetten wurde auf diese Reise entsandt. Das Unternehmen war mit großen Erwartungen verknüpft, denn es gelang Preußen, bei der Eulenburg-Expedition sämtliche Staaten des Zollvereins, die Hansestädte und die beiden Mecklenburgs hinter sich zu bringen, und damit erstmals das gesamte „außerösterreichische“ Deutschland zu vertreten – übrigens genau die Staatenkonstellation, die 1871 das Deutsche Reich begründete. Ein Erfolg bedeutete einen enormen Prestigegewinn für Preußen als Vorreiter Deutschlands in Ostasien, ein Scheitern bedeutete entsprechend einen herben Rückschlag für Preußens innerdeutsche Ambitionen.
Als sich das Geschwader im Frühjahr 1860 in Singapur versammelte und auch der Gesandte Graf zu Eulenburg eingetroffen war, stand die Lage in China noch ganz im Zeichen der letzten Phase des Zweiten Opiumkriegs. Da Verhandlungen zu diesem Zeitpunkt aussichtslos erschienen, segelte Eulenburg zunächst nach Japan. Dort gelang es ihm allerdings nach mehrmonatigen Gesprächen lediglich, einen Vertrag für Preußen zu bekommen – das besonders die Hansestädte auf einen Beteiligung am Japanhandel gewartet hatten, war der Vertrag mit Japan somit eine Enttäuschung. Entsprechend hoch war damit der Druck auf den Gesandten für einen erfolgreichen Vertragsabschluss mit China. Doch der Auftakt in China gestaltete sich schwierig: Beim ersten Zusammentreffen mit einem chinesischen Offiziellen verwechselte dieser nicht nur Preußen mit Belgien, sondern versuchte auch, Eulenburg von der Weiterreise nach Nordchina abzuhalten. Der Gesandte ließ sich nicht beirren und er traf Ende April 1861 in Tianjin ein. Sein Ziel war klar, er brauchte einen Vertrag für sämtliche deutschen Partner, der sowohl die Gleichberechtigung mit den anderen westlichen Mächten im Handel garantierte, als auch die Zulassung eines Gesandten in der chinesischen Hauptstadt Peking umfasste.
Aus Sicht der chinesischen Seite stellte sich die Angelegenheit nicht einfacher dar: Das Zongli Yamen war als Amt für die Angelegenheiten der westlichen Ausländer erst wenige Monate zuvor ins Leben gerufen worden und verfügte über keinerlei institutionelle Erfahrung. Dazu war China durch das gewaltsame Vorgehen Großbritanniens und Frankreichs erst zu neuen Verträgen gezwungen worden und beliebige neue Zugeständnisse konnten auch innenpolitische Probleme erzeugen. Die chinesischen Bevollmächtigten für die Verhandlungen in Tianjin, Chong Lun und Chong Hou, bemühten sich denn auch im Vorfeld zunächst herauszufinden, ob es sich bei dem ominösen Preußen-Deutschland um eine Großmacht, „大国“, handelte – dem man einen Vertrag zugestehen konnte -, oder lediglich um ein weniger wichtiges Land, „小国“, dem im chinesischen Interesse ein Vertrag tunlichst verweigern sollte, schon um keinen Präzedenzfall zu schaffen, dem dann weitere unbekannte Länder ohne Zahl folgen würden.
Mit britischer Unterstützung war der preußisch-deutsche Stellenwert bald geklärt, ebenso bestand schnell Einigkeit bezüglich eines Handelsvertrags. China hatte nach dem Ersten Opiumkrieg stillschweigend sämtlichen fremden Händlern die gleichen Handelsmöglichkeiten gewährt wie den Vertragsstaaten, dies war also kein großer Schritt. Hauptschwierigkeit war die Forderung Eulenburgs nach diplomatischer Vertretung in Peking. Die ständige Anwesenheit von Fremden in der Hauptstadt hatte China keiner ausländischen Macht gewähren wollen und das Gesandtschaftsrecht war China erst 1860 durch den Vertrag von Peking durch Großbritannien und Frankreich aufgezwungen worden. Warum sollte China also Preußen ein Recht einräumen, das Franzosen und Briten erst nach einem Krieg zugestanden worden war? Umgekehrt konnte Eulenburg gerade auf diesen Punkt auf keinen Fall verzichten; sollte er nicht die gleichen Bedingungen wie die anderen westlichen Großmächte erzielen und mit einem Vertrag „zweiter Klasse“ zurückkehren, wäre seine Mission nach dem partiellen Scheitern in Japan endgültig zum diplomatischen Fiasko geworden.
Damit erreichten die Unterhandlungen, die im Mai 1861 begonnen hatten, bereits im Juni einen toten Punkt. Beide Seiten beharrten auf ihren Standpunkten, auf dem Höhepunkt drohte Eulenburg damit, persönlich in Peking vorstellig zu werden und sandte zur Demonstration seinen Attaché Max von Brandt voraus, um Quartier zu machen. Das unangemeldete Auftauchen der ersten Preußen in der chinesischen Hauptstadt führte zu einem Eklat, der auch das Ende der Verhandlungen hätte bedeuten können. Doch zur gleichen Zeit hatte sich Prinz Gong, der Bruder des Kaisers und Chef des Zongli Yamen, entschieden, den Preußen entgegen zu kommen. Hintergrund waren Gespräche zwischen Prinz Gong und den britischen und französischen Gesandten, von denen besonders der letztere ein Interesse hatte, eine preußische Vertretung als möglichen Verbündeten gegen die britische Vormachtstellung zu bekommen. Zudem willigte Eulenburg ein, das Gesandtschaftsrecht erst nach einer Frist von fünf Jahren in Kraft treten zu lassen. So kam es im August 1861 zur Einigung über die Vertragsinhalte des Freundschafts-, Handels- und Schifffahrtsvertrag zwischen Preußen-Deutschland und China. Nachdem das Vertragswerk noch kurz vor seinem Tod vom Xianfeng-Kaiser genehmigt worden war, wurden die Vertragsfassungen am 2. September 1861 in Tianjin unterzeichnet – insgesamt drei Fassungen auf Chinesisch, Deutsch und Französisch.
Dieser Vertrag war der Beginn der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und China. Er stimmte in seinen Inhalten weitgehend mit den vorher abgeschlossenen britischen und französischen Verträgen mit China überein und brachte Deutschland in den Genuss sämtlicher China aufgezwungener Vorrechte, im Besonderen der Exterritorialität, die besagte, dass deutsche Staatsangehörige bei Vergehen in China nicht von den chinesischen Behörden abgeurteilt werden durften, sondern der deutschen Konsulargerichtsbarkeit unterstanden. Wichtig war zudem die Aufnahme der Meistbegünstigungsklausel, der zufolge Deutschland automatisch von sämtlichen weiteren Vorrechten profitieren würde, die China anderen ausländischen Mächten zugestehen würde.
Der Vertrag von Tianjin bedeutete ebenfalls den Eintritt Preußen-Deutschlands in das System der so genannten „Ungleichen Verträge“. Er blieb mit geringen Abweichungen bis in den Ersten Weltkrieg die vertragliche Grundlage für das deutsch-chinesische Verhältnis.
Imperialismus „light“?
Nach dem Großunternehmen Eulenburg-Expedition und dem erfolgreichen Vertragsabschluss rückten die deutsch-chinesischen Beziehungen für beide Seiten erst einmal in den Hintergrund. Deutschland war im folgenden Jahrzehnt zu sehr mit der innerdeutschen Politik und den Kriegen von 1864, 1866 und 1870/71 beschäftigt, die 1871 zur Gründung des deutschen Reiches führten, als dass in dieser Phase von einer ernsthaften Chinapolitik gesprochen werden könnte. Auch für China spielte Deutschland eine allenfalls marginale Rolle; außenpolitisch dominierten weiter die Gegner der Opiumkriege sowie Russland Chinas Wahrnehmung und innenpolitisch war die Aufmerksamkeit der chinesischen Entscheidungsträger völlig von der Niederschlagung der Rebellionen, allen voran der Taiping, in Anspruch genommen.
Preußen entsandte noch 1862 mit Guido von Rehfues seinen ersten Vertreter nach China. Er tauschte in Shanghai die Ratifikationsurkunden aus und fungierte formal zunächst als Generalkonsul in Shanghai, bevor er nach Ablauf der vereinbarten Frist die Geschäfte als preußischer Gesandter in Peking übernahm. Seine Hauptaufgabe war in dieser Zeit die Reorganisation des Konsularwesens und die Einrichtung einer Konsulargerichtsbarkeit. Diplomatisch trat er wenig in Erscheinung und hatte strikte Weisung aus Berlin, sich an dem Vorgehen seiner westlichen Kollegen zu orientieren.
Die Stellung Deutschlands änderte sich dann beinahe schlagartig mit dem Sieg über Frankreich und der Reichsgründung im Januar 1871. Der Sieg der bis dahin kaum wahrgenommenen Preußen und seiner deutschen Verbündeten gegen Frankreich, also einem von Chinas Hauptgegnern aus dem Zweiten Opiumkrieg, wurde in China genauestens registriert. Die Reaktion folgte umgehend, noch im gleichen Jahr nahm die Übersetzungshochschule für den chinesischen auswärtigen Dienst, das Tongwenguan, das bis dahin nur Englisch, Französisch und Russisch unterrichtet hatte, auch Deutsch in sein Programm auf.
In den folgenden zwei Jahrzehnten bildete sich ein gewisses Sonderverhältnis zwischen den beiden Ländern heraus, das sich besonders auf die militärische Modernisierung Chinas auswirkte. China hatte nach der Niederlage im Zweiten Opiumkrieg und den militärischen Desastern gegen die Taiping-Rebellion ein Programm zur Selbststärkung ins Leben gerufen, das sich in erster Linie auf Militär und Marine bezog. Das Deutsche Reich erschien als geradezu idealer Partner: Deutschland hatte mit Frankreich eine europäische Großmacht eindrucksvoll geschlagen und schien in Ostasien gleichzeitig keine aggressiven Ambitionen zu verfolgen. Ab den 1870er Jahren kauften chinesische Generalgouverneure zunächst Gewehre und Kanonen, später auch Panzerschiffe und Torpedoboote in Deutschland und stellten deutsche Militärberater ein. Die deutsch-chinesische Militärkooperation sollte sich – allerdings nicht kontinuierlich – bis weit in das 20. Jahrhundert fortsetzen.
Gleichwohl trat Deutschland in China mit den gleichen Ansprüchen auf wie die anderen westlichen Großmächte. War es für Großbritannien oder Frankreich selbstverständlich, im Zeitalter der Kanonenbootsdiplomatie Politik durch die Präsenz von Kriegsschiffen zu begleiten, so stationierte auch Deutschland noch 1869/70 mit den Korvetten „Hertha“ und „Medusa“ seine ersten Kriegsschiffe in den chinesischen Gewässern. Die Ostasiatische Station, in der China das Haupteinsatzgebiet darstellte, war das einzige Seegebiet, das bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs ständig besetzt blieb. Deutschland war durchaus bereit, Forderungen durch – wenn auch begrenzte – Landungsoperationen zu unterstützen, wie beispielsweise bei dem so genannten „Pfannenkrieg von Amoy“, bei dem 1883 ein Landungsdetachment von S.M.S. „Elisabeth“ eine Ladung beschlagnahmte Zuckersiedepfannen aus dem Amtsgebäude des örtlichen Magistrats holte und im deutschen Konsulat sicherstellte – wobei der chinesische Beamte das Recht wohl eigentlich auf seiner Seite gehabt hatte. Fast noch grotesker war ein fast zeitgleiches Landungsunternehmen im südchinesischen Shantou, bei dem eine Reihe von Markierungspfählen um ein strittiges Grundstück entfernt wurden. Doch letztendlich blieb diese Phase der deutschen Kanonenbootpolitik vergleichsweise harmlos – wenn man von der permanenten latenten Drohung absieht, die mit der Marinepräsenz durchaus beabsichtigt war.
Kiautschou und Boxeraufstand
In den 1890er Jahren setzte eine neue Phase ein, die bis heute wohl am ehesten im populären Gedächtnis geblieben ist und sowohl auf deutscher wie chinesischer Seite oft mit den beiderseitigen Beziehungen in der späten Qing-Zeit bzw. dem Deutschen Kaiserreich identifiziert wird. Die Voraussetzungen wurden durch das Ende der Bismarck-Ära 1890 und Chinas Niederlage gegen Japan 1894/95 eingeleitet. Mit der Entlassung Bismarcks als Reichskanzler und dem Beginn der so genannten Wilhelminischen Ära ging ein aggressiveres Auftreten einher; Deutschland sollte als Großmacht global wahrgenommen werden und seine Ansprüche gegebenenfalls auch mit der Waffe vertreten. Umgekehrt begann mit der Niederlage Chinas im chinesisch-japanischen Krieg ein regelrechter Wettlauf zur Sicherung der besten Position und der meisten Vorrechte, der von westlicher Seite als „Scramble for China“, von chinesischer Seite als „Fen Gua“, das Aufteilen der Melone, bezeichnet worden ist.
Bereits kurz nach Ausbruch des Krieges in Ostasien hatte Deutschland eine Kreuzerdivision nach China entsandt, nachdem man rund zehn Jahre mit der Anwesenheit von zwei Kanonenbooten zufrieden gewesen war. Als die ersten Gerüchte nach Berlin drangen, dass andere Mächte im Falle einer chinesischen Niederlage die Annexion von Gebieten in China planten, ordnete Kaiser Wilhelm II. postwendend an, dass Deutschland dann nicht zurückstehen dürfe. Gewünscht wurde ein Stützpunkt für die deutschen Kriegsschiffe in Ostasien, der aus wirtschaftlicher Sicht gleich zu einem „deutschen Hongkong“ hochstilisiert wurde. Als China dann Deutschland für seine diplomatische Unterstützung für die weitgehenden japanischen Forderungen Kompensation anbot, schien die Zeit reif, aber zunächst bekam man lediglich Niederlassungen in Tianjin und Hankou.
Die Suche nach einem geeigneten Stützpunkt wurden zielstrebig fortgesetzt und eine ganze Reihe von Hafenplätzen und Inselgruppen auf ihre Verfügbarkeit geprüft – die Wahl fiel schließlich auf die Bucht von Jiaozhou an der Südküste der Provinz Shandong. Noch 1897 suchten die deutschen Vertreter fieberhaft nach einem Anlass, der sich als Grund für eine Annexion ausnutzen ließ. Im Herbst war der deutsche Gesandte Edmund von Heyking gerade dabei, einige von chinesischen Jugendlichen vor Wuchang auf ein Landungsboot der Marine geworfene Steine zu einer Beleidigung der Flagge und damit zu einem Annexionsanlass auszubauen, als die Nachricht von der Ermordung zweier deutscher Missionare in der Provinz Shandong bekannt wurde. Über alle Bedenken von Diplomatie und Politik hinweg beorderte Wilhelm II. den Chef der Kreuzerdivision, Admiral von Diederichs, sofort die Bucht von Kiautschou zu besetzen. Landung und Besetzung des Gebietes verliefen bemerkenswert reibungslos und bereits wenige Monate später wurde ein Pachtvertrag auf 99 Jahre abgeschlossen.
Das Pachtgebiet der Bucht von Jiaozhou (bzw. Kiautschou nach alter Umschrift) wurde in den folgenden Jahren unter der Regie des Reichsmarineamts unter Einsatz erheblicher finanzieller Mittel mit dem Anspruch einer Musterkolonie ausgebaut. Dabei erfüllte es nie die ursprünglichen Erwartungen: Für den deutschen Handel war das wirtschaftliche prosperierende Yangtsetal immer weitaus interessanter und als Marinestützpunkt blieb seine Bedeutung marginal, zwar stellte Qingdao den Heimathafen für das deutsche Kreuzergeschwader, aber strategisch hatte der Hafen als Basis in dem Tirpitz‘schen Flottenkonzept eigentlich bereits während seines Baus jegliche Bedeutung verloren.
Die erste deutsche Kolonie auf chinesischem Boden hatte Folgen. Die Landung in der Bucht von Jiaozhou löste eine ganze Reihe weiterer Annexionen durch die anderen westlichen Mächte aus. Dazu trug das deutsche Ausgreifen in die Provinz Shandong, wo Eisenbahnbau und Kohlenbergwerke mit Truppenpräsenz und Strafexpeditionen einher gingen, nicht unerheblich zur Herausbildung einer Bewegung bei, die 1900 fast die ganze Welt in Atem halten sollte: Die Yihetuan, im Westen bekannt als Boxeraufstand.
Die Boxerbewegung entstand als bäuerliche Protestbewegung, die sich in ihren Anfängen gegen die herrschende Dynastie, in ihrer Ausbreitung aber zunehmend gegen die Präsenz der Fremden in China, vor allem der Missionare und ihren chinesischen Konvertiten richtete. Teile der chinesischen Regierung versuchten, die Boxer für sich zu instrumentalisieren und im Frühjahr 1900 kam es zur Eskalation. Als die Lage in und um die chinesische Hauptstadt Peking immer unsicherer wurde, entsandten die Mächte Gesandtschaftswachen. Als dann in Peking im Verlauf des Juni die Lage langsam immer schwieriger und die Stadt zunehmend von der Verbindung nach außen abgeschnitten wurde, griffen die westlichen Mächte die Taku-Forts an und eröffneten damit den eigentlichen Boxerkrieg. Bei dem Versuch, mit einer internationalen Expedition von Marinetruppen unter dem britischen Admiral Seymour nach Peking vorzudringen, kam es zu Zusammenstößen mit regulären chinesischen Truppen, die das Unternehmen zum Rückzug zwangen.
Deutschland hatte sich an dem Kampf um die Taku-Forts und die Seymour-Expedition mit den Marinestreitkräften beteiligt, die ohnehin bereits in China stationiert gewesen waren. Während die meisten anderen Nationen Kolonialtruppen entsandten oder, wie Russland und Japan, kurze Transportwege hatten, kamen die schnell auf den Weg gebrachten Seebataillone zu spät, um noch am Vormarsch auf Peking teilzunehmen – sie waren erst zur Siegesparade dabei. Nach der Meldung von der Ermordung des deutschen Gesandten in Peking, Clemens von Ketteler, stellte Deutschland mit Freiwilligen aus den deutschen Armeen ein Ostasiatisches Expeditionskorps auf, das sich zum bis dahin größten militärischen Unternehmen der deutschen Geschichte in Übersee auswachsen sollte. Insgesamt wurden in China während des Boxeraufstands über 20.000 Deutsche eingesetzt. Dazu sicherte sich Deutschland – zumindest formal – den Oberbefehl über die internationalen Truppen in China, Feldmarschall von Waldersee wurde allerdings schon zeitgenössisch als „Weltmarschall“ verspottet.
Tatsächlich war dieser Höhepunkt des deutschen Imperialismus in China insgesamt kein Ruhmesblatt. Bereits zur Verabschiedung des Expeditionskorps hatte Kaiser Wilhelm II. mit seiner „Hunnenrede“ für Aufsehen gesorgt, in der er die Truppen anwies in China so aufzutreten, dass es auf 100 Jahre kein Chinese wage, einen Deutschen auch nur schief anzusehen. Die deutschen Truppen kamen zu spät für die eigentlichen militärischen Operationen und konnten sich nur noch in so genannten Strafexpeditionen beweisen – der größte Teil des Einsatzes in China bestand aus Langeweile und die meisten Verluste waren aufgrund von Krankheiten zu beklagen. Noch im Verlauf des Jahres 1900 tauchten zudem die ersten „Hunnenbriefe“ auf, in denen Teilnehmer der Chinaexpedition von Plünderungszügen und Massakern an der Zivilbevölkerung berichteten. Auch Waldersee wurde von den Verbündeten kaum ernst genommen, besonders Japaner und Russen kümmerten sich wenig bis gar nicht um seine Vorstellungen vom Vorgehen in China.
Vor diesem Hintergrund ist es vor allem bemerkenswert, wir wenig dauerhaften Schaden die deutsche Chinaexpedition auf lange Sicht in den deutsch-chinesischen Beziehungen angerichtet hat. Bereits in den Jahren zwischen Abschluss des Boxerprotokolls 1901 und der Xinhai-Revolution 1911 kam es zu einer gewissen Normalisierung des Verhältnisses. Vor dem Hintergrund der zunehmenden diplomatischen Isolation des Deutschen Reiches in Europa, die sich natürlich auch auf die Stellung in Ostasien auswirkte, kam China gerade ein halbes Jahrzehnt nach dem Boxeraufstand sogar als Bündnispartner in Frage: Um die diplomatische „Auskreisung“ zu durchbrechen, dachten deutsche Diplomaten über einen „ostasiatischen Dreibund“ nach, der sich aus China, Deutschland und den USA zusammensetzen sollte.
Jahre des Wandels
Die Dekade zwischen 1911 und 1921 brachte erhebliche Veränderungen für beide Länder und ihre Beziehungen. Den Auftakt bildete die chinesische Revolution von 1911: Zwar hatte die Qing-Dynastie noch unter dem Eindruck des Boxeraufstands mit weitgehenden Reformen begonnen, die von einer grundlegenden Revolutionierung des Bildungswesens bis zur Einrichtung von Parlamenten und der Vorbereitung einer Verfassung reichten, doch im Herbst 1911 kam es zu einem Aufstand in der Wuchanger Garnison, der sich schnell ausbreitete und schließlich zum Sturz der Qing führte. Die republikanische Phase währte aber nicht lange, nach kurzer Zeit übernahmen Yuan Shikai vor allem aufgrund seiner Rolle als General der Beiyang-Armee die Präsidentschaft und China glitt in eine Zeit der Warlords und des Bürgerkriegs.
Das Deutsche Reich hatte in den Jahren vor 1911 wieder relativ stabile Beziehungen zu China aufgebaut und die Qing-Regierung teilweise auch bei ihren Reformvorhaben unterstützt. Selbst während der Revolution hoffte man von deutscher Seite auf ein Überleben der kaiserlichen Regierung und leistete trotz Neutralität auch informelle militärische Unterstützung. Nach dem Ende der Dynastie bemühte sich Deutschland dann umgehend um gute Verbindungen zur neuen Regierung unter Yuan Shikai; diese Bemühungen waren durchaus erfolgreich, 1913 begannen beispielsweise Planungen für eine neue, umfassende deutsche Militärberaterschaft zur Fortentwicklung einer modernen chinesischen Armee.
Das deutsche Engagement in China wurde durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 abrupt unterbrochen. China blieb neutral, so dass die diplomatischen Beziehungen weiter bestanden, aber aufgrund der britischen Seeblockade kam der deutsche Überseehandel praktisch zum Erliegen. Die deutsche Marinepräsenz wurde ebenfalls beendet, das Kreuzergeschwader verließ die chinesischen Gewässer, die Kanonenboote wurden in der Bucht von Jiaozhou zusammengezogen und die Flusskanonenboote abgerüstet und aufgelegt. Sämtliche deutschen Wehrpflichtigen aus Ost- und Südostasien hatten sich nach Qingdao zum Militärdienst einzufinden. Qingdao selbst wurde von japanischen und britischen See- und Landstreitkräften eingeschlossen und kapitulierte nach dreimonatiger Belagerung.
Parallel entwickelte sich ein diplomatisches Tauziehen um China. Während die Entente-Mächte, allen voran Großbritannien, sich bemühten, mit Geld und Versprechungen China in den Krieg gegen Deutschland hineinzuziehen, waren die deutschen Diplomaten ebenso bemüht, China aus dem Krieg herauszuhalten. Ihr Problem war, dass sie außer Versprechungen wenig zu bieten hatten, sie konnten immer nur auf die Zeit nach dem Krieg im Falle eines Sieges der Mittelmächte verweisen. Es spricht für das solide Verhältnis zwischen China und Deutschland, dass es bis 1917 dauern sollte und erst der Intervention der USA bedurfte, um China schließlich zum Kriegseintritt zu bewegen. Im März brach China zunächst die diplomatischen Beziehungen ab und im August folgte die Kriegerklärung an die Mittelmächte. Deutschland musste seine Gesandtschaft seine Konsulate schließen, die Vertretung der deutschen Interessen übernahmen die weiter neutralen Niederlande. Die deutschen Niederlassungen in Tianjin und Hankou wurden – zunächst formal provisorisch – der chinesischen Kontrolle unterstellt und nach der deutschen Kapitulation begann China auf Druck der Siegermächte, die Deutschen aus China auszuweisen.
Doch bereits 1919 wendete sich das Blatt. Bei den Verhandlungen in Versailles wurden Japan die deutsche Kolonie Jiazhou und sämtliche vertraglichen Vorrechte der Deutschen in der Provinz Shandong zugesprochen. Nicht genug damit, es gab sogar Initiativen von britischer Seite, China die deutschen Niederlassungen wieder abzunehmen und internationaler – also westlicher – Kontrolle zu unterstellen. Als die Nachricht nach China drang, dass in Shandong mit der Entscheidung für Japan praktisch nur eine Kolonialmacht gegen die andere ausgewechselt wurde und China trotz seines Kriegseintritts leer ausging, brachen in China breite Proteste aus, die als 5. Mai-Bewegung bekannt geworden sind.
China war zwar gegen Deutschland in den Krieg eingetreten, sah sich aber wie Deutschland einem Friedensvertrag ausgesetzt, in dem es sich zutiefst ungerecht behandelt fühlte – mit dem Unterschied, dass China die Wahl hatte und den Vertrag nicht unterzeichnete. Damit standen somit China und Deutschland wiederum auf der gleichen Seite, indem sie sich als Verlierer von Versailles betrachteten. So kam es zu neuen Verhandlungen, um die diplomatischen Beziehungen nicht nur wieder herzustellen, sondern auf eine neue Stufe zu heben. In dem Vertrag von 1921 verzichtete Deutschland auf sämtliche Vorrechte aus den „ungleichen Verträgen“, beide Länder waren – zumindest auf dem Papier – künftig gleichberechtigt. Der deutsch-chinesische Vertrag von 1921 wird denn auch in China als Chinas erster „gleicher Vertrag“ angesehen, auch wenn anzumerken ist, dass der deutsche Verzicht auf seine Sonderrechte letztendlich nicht ganz freiwillig erfolgte, sondern eine Folge der Niederlage im Ersten Weltkrieg war.
Republik und Diktatur
China wie Deutschland waren danach bestrebt, die Beziehungen wieder aufzubauen. Die Handelsverbindungen, die seit 1914 abgerissen gewesen waren, kamen aber nur langsam wieder in Gang – obwohl China beispielsweise der Bremer Chinafirma Melchers & Co. zu deren großer Überraschung deren Firmengrundstücke in Hankou zurückerstattete, das Klima für die Deutschen in China also ausgesprochen günstig war. Gehemmt wurde ein intensiverer Austausch durch innenpolitische Probleme: In Deutschland hatte die Weimarer Republik mit politischen Schwierigkeiten im Innern und zudem mit erheblichen wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen, wie der großen Inflation von 1923. China dagegen stand in der ersten Hälfte der 1920er Jahre noch ganz im Zeichen der Warlord-Ära und erst mit dem Abschluss des Nordfeldzuges 1928 gelingt es Jiang Jieshi (besser bekannt als Tschiang Kai-shek), wieder eine ernstzunehmende republikanische Regierung zu etablieren.
China entwickelt sich gerade in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre zu einem wichtigen Partner Deutschlands. Deutschland leistete China militärische Unterstützung, neben der Lieferung von Waffen besonders ab Ende der 1920er Jahre mit Militärberatern zur Ausbildung der Nationalchinesischen Armee. Diese Zusammenarbeit wurde auch durch Deutschlands Weg in die Diktatur durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten nicht weiter beeinträchtigt. Im Gegenteil interessierte sich Jiang Jieshi für den Faschismus als Herrschaftsmodell, so baute er analog zu den italienischen Schwarzhemden die Blauhemden der Guomindang auf und war bestrebt, Elemente des Führerprinzips einzuführen. Diese Bestrebungen dürfen allerdings nicht überschätzt werden, international orientierten sich viele Regime bis hin zu Nicaraguas Diktator Somoza für die Erfolge vor allem der italienischen Faschisten – dies ist nicht mit einer Übernahme der nationalsozialistischen Weltanschauung zu verwechseln. Die deutsch-chinesische Militärzusammenarbeit wurde bis weit in die 1930er Jahre fortgesetzt und beeinflusste beispielsweise auch die Kampagnen gegen die von den Kommunisten kontrollierten Gebiete in Südchina. Die Komplexität des deutsch-chinesischen Verhältnisses in dieser Zeit wird aber weiter dadurch belegt, dass mit Otto Braun zur gleichen Zeit auch die Kommunistische Partei Chinas einen deutschen Militärberater hatte, der sie auch auf dem Langen Marsch begleitete.
Die wirtschaftlichen Beziehungen prosperierten, besonders zwischen 1929 und 1936 stieg der deutsche Anteil am Chinahandel enorm und Deutschland rangierte bei den Exporten nach China schließlich auf Platz 2 direkt hinter den USA, bei dem Import chinesischer Produkte lag es auf Platz 3. Diese Erfolge wurden durch eine enge Zusammenarbeit von Staat und Wirtschaft begünstigt, so sorgte die 1934 ins Leben gerufene und nur nominell private Handelsgesellschaft für Industrielle Produkte (HAPRO) für einen großen Teil des Güteraustauschs. Deutschland war ebenso stark am industriellen Aufbau Chinas beteiligt, bei der Ausbildung von technischem Fachpersonal genauso wie bei dem Aufbau industrieller Zentren nach dem gemeinsamen Dreijahresplan von 1936.
Dieser Plan konnte aber nur noch in Teilen verwirklicht werden. Die deutsch-chinesischen Beziehungen hingen – wie dies in ihrer Geschichte immer wieder der Fall war – stark von der politischen Großwetterlage ab. Das Deutsche Reich, Italien und Japan schlossen 1936 den Anti-Komintern-Pakt ab. Zur gleichen Zeit nahm Deutschland Handelsbeziehungen zum japanischen Marionettenstaat Mandschukuo auf. Damit rückte Japan immer mehr in das Zentrum der deutschen Ostasienpolitik. So entschied sich die deutsche Führung nach dem japanischen Angriff auf China 1937 gegen den Widerspruch wirtschaftlicher und diplomatischer Kreise, auf die japanische Karte zu setzen. Die Militärberater wurden abgezogen und die staatlichen kontrollierten Handelsbeziehungen eingestellt. Durch das 1938 noch informelle Bündnis zwischen Deutschland und Japan (die Vereinbarung der sogenannten „Achsenmächte“ wurde erst 1940 unterzeichnet) kam es während des Massakers an der Zivilbevölkerung in Nanjing im Winter 1937/38 zu der paradoxen Situation, dass der Siemens-Mitarbeiter John Rabe an der Spitze eines Internationalen Hilfskomitees ausgerechnet unter dem Symbol des Hakenkreuzes Tausenden von Chinesen das Leben retten konnte.
Formal bestanden die Beziehungen zwischen Deutschland und China noch bis 1941 weiter, die Verbindungen lagen aber bereits nach der deutschen Anerkennung der japanischen Besatzungsregierung Chinas unter Wang Jingwei im Juli 1941 auf Eis. Unter dem Eindruck des japanischen Angriffs auf die USA in Pearl Harbour schloss sich China dann des Alliierten an und erklärte Deutschland am 9. Dezember 1941 den Krieg.
Deutschland und China bis heute
Nach dem Zweiten Weltkrieg war das deutsch-chinesische Verhältnis von der Abhängigkeit der beiden deutschen Staaten von ihren jeweiligen Führungsmächten im Kalten Krieg bestimmt. So nahm die DDR 1949 im Schlepptau der Sowjetunion Beziehungen zur Volksrepublik China auf, die praktisch aber bereits rund zehn Jahre später im Zuge der Entfremdung zwischen China und der UdSSR wieder auf Eis gelegt wurden. Die heutigen deutsch-chinesischen Beziehungen gehen auf das Jahr 1972 zurück, als China sich mit der Verständigung mit den USA im Zuge der so genannten Ping-Pong-Politik wieder dem Westen geöffnet hatte.
Mit der Öffnung Chinas seit den späten 1970er Jahren ist das Verhältnis beider Länder wieder deutlich enger geworden und inzwischen gibt es einen intensiven Austausch auf den verschiedensten Ebenen. Besonders die wirtschaftlichen Beziehungen prosperieren und haben sich seit den 1980er Jahren in einem nie da gewesenen Ausmaß entwickelt. Auch der kulturelle Austausch ist intensiver geworden, seit mit dem Goethe-Institut in Peking noch in den späten 1980er Jahren das erste westliche Kulturinstitut in Peking eröffnet wurde und in den 2000er Jahren umgekehrt China in Deutschland eine ganze Reihe von Konfuzius-Instituten eröffnet hat. Wie sich die guten Beziehungen zwischen beiden Ländern in den nächsten 150 Jahren entwickeln werden, muss die Zukunft zeigen – aber alles deutet darauf, dass die Zusammenarbeit sich eher noch enger gestalten wird.